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Artikel "La Palma Info" Nr.26, Winter 2006/07

"Älterwerden auf La Palma"

„Wer häufiger hier ist, fängt sich den Bazillus "La Palma’ein!" Frau Kaufmann schaut versonnen aus dem Fenster ihres Esszimmers. Der Betrachterin eröffnet sich ein fantastischer Blick über das Aridane Tal bis zum El Time. 1985 hat sie mit ihrem Mann das 3000qm große Grundstück erworben, auf das sie dann ihr geräumiges Haus erbaut haben. Neben dem Haus gibt es noch einen sehr schön angelegten Garten mit Obstbäumen und vielen Blumenrabatten.
So wie Frau Kaufmann geht es vielen Menschen, die La Palma besuchen, sie fangen sich den "Bazillus" ein. Die Autorinnen dieses Beitrags sind davon nicht ausgeschlossen. Es geht also eine ganz besondere Faszination von der Insel aus. Nicht wenige Urlauber haben sich ein Grundstück oder ein Haus auf La Palma gekauft und planen, über kurz oder lang auf der Insel zu leben oder zumindest hier einige Monate des Jahres zu verbringen. Was aber erwartet sie hier im Alter? Wie sieht ihre gesundheitliche, medizinische und pflegerische Versorgung perspektivisch aus?
Frau Kaufmann ist heute 75 Jahre alt. Sie lebt allein und sehr zurückgezogen mit ihren Katzen auf ihrem Anwesen. Sie war seit 15 Jahren nicht mehr in Deutschland und hat zu Bekannten dort nur telefonischen Kontakt. Da sie vor kurzen gestürzt ist, hat sie nun einen Hausnotruf beantragt, damit ihr im Notfall jemand zu Hilfe kommen kann. Nachbarn kaufen schon mal für sie ein, wenn sie sich zu schwach fühlt. Ansonsten hat sie eine spanische Haushaltshilfe und einen spanischen Gärtner, die sie beide unterstützen.

Frau Kaufmann ist kein Einzelfall. Schauen wir uns die Situation genauer an. Auf La Palma sind heute circa 8000 Deutsche gemeldet. Den „Inselbazillus“ fangen sich, im Gegensatz zu Teneriffa, hier hauptsächlich Deutsche ein. Die bevorzugte Wohnlage ist das Valle de Aridane und die Gemeinde El Paso. Die Gesamteinwohnerzahl von Los Llanos de Aridane lag 2004 bei 21000. Der Bevölkerungsanteil der Deutschen lag bei 1113 Personen (5,3%). 59 % von ihnen hatten das neunundvierzigste Lebensjahr vollendet. Um genauere Kenntnisse über die aktuelle Lebenssituation und die Zukunftspläne der deutschen Einwohner auf La Palma bezüglich der Gestaltung ihres Dritten Lebensabschnitts zu erhalten, realisierte die Gemeinde Los Llanos de Aridane in Zusammenarbeit mit Kerstin Strehlke, einer der Autorinnen, im Oktober 2004 eine anonyme Erhebung unter 250 in Los Llanos gemeldeten Deutschen ab fünfzig Jahren.
Hier einige Zahlen und Fakten zu der befragten Personengruppe:
Die große Mehrheit (58 %) der Befragten waren zwischen 61 bis 70 Jahre alt und 36% zwischen 50 bis 60 Jahren. 77% gaben an, länger als neun Monate pro Jahr auf der Insel zu leben, aber nur 23% der Befragten sind berufstätig. 89% leben in Privateigentum und 64% beschreiben ihre finanzielle Situation als gut, wohingegen 29% sie eher bescheiden nennen.

Vielsagend sind die Ergebnisse im Hinblick auf die Sozialversicherungsverhältnisse der Befragten. Immerhin sind 43 % im Rahmen der spanischen Sozialversicherung (Seguridad Social) krankenversichert, 60% jedoch wünschen sich mehr Informationen über die Angebote des spanischen Sozial– und Gesundheitswesens. Über die Leistungen der gesetzlichen deutschen Krankenkassen im europäischen Ausland melden 52% Informationsbedarf an. Hier gibt es offensichtlich ein großes Informationsdefizit sowohl über Möglichkeiten der spanischen Krankenversicherung vor Ort als auch der deutschen im Ausland.
Erfragt wurden auch Themen, die im Zusammenhang mit sozialen Kontakten zu anderen Menschen relevant sind. Nur 6% der Befragten fühlen sich sprachlich in keiner Weise eingeschränkt und 42% geben an bei wichtigen Angelegenheiten auf Hilfe von Übersetzern angewiesen zu sein. Eine deutliche Mehrzahl (62 %) würden gerne ihre Spanischkenntnisse verbessern. Diese Ergebnisse werfen Fragen auf, die die Integration deutscher Migranten auf der Insel betreffen, insbesondere, wenn sich 42% der Befragten mehr soziale Kontakte wünschen. Sehr erfreulich ist, dass zwei Drittel (67%) bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren und ihre beruflichen Erfahrungen (Erfahrungsbörse) weiterzugeben. Hierin liegt für die Zukunft eine wichtige Ressource und großes Potential für zukünftige (nachbarschaftliche) Projekte, wenn man bedenkt, dass die Mehrzahl der Befragten plant, trotz eventuell eintretender Hilfe– und/oder Pflegebedürftigkeit, auf La Palma zu bleiben.

Die Situation, die hier für La Palma kurz skizziert wurde, findet sich in vielen Regionen Südeuropas ähnlich wieder und streift das Phänomen der „Altersmigration“. Seit einigen Jahren gibt es die Tendenz älterer Menschen, aus dem Nordwesten in den Süden Europas auszuwandern. Als bevorzugtes Land ist hier Spanien zu nennen (u. a. Südspanien, die Kanarischen Inseln sowie die Balearen). Insbesondere aus Deutschland steigt die Zahl der Auswanderer, die ihren „Lebensabend“, unter der Sonne Spaniens verleben möchten.
Bereits vor einigen Jahren haben Wissenschaftler der Universität Regensburg unter der Leitung von Prof. Breuer sich mit dem Thema „Altersmigration“, einem für europäische Verhältnisse sehr jungen Phänomen beschäftigt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Motive in den letzten beiden Jahrzehnten, weshalb deutsche Staatsbürger beschließen, auf La Palma zu leben bzw. Deutschland den Rücken zu kehren, geändert haben. In den 80ziger Jahren kam es nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu einer „Auswanderungswelle“ aus Deutschland auf die Insel. Der Spiegel berichtete in seiner 17. Ausgabe dieses Jahres ausführlich darüber. Diese Menschen waren wesentlich jünger und wollten sich hier mit ihren Familien ein neues Leben ohne nuklearen Fallout aufbauen.

Bei den typischen „Altersmigranten“, die es auf die Kanaren und auch nach La Palma zieht, sehen die Beweggründe völlig anders aus. Breuer und andere (2003) fanden heraus, dass die Motivation für einen Altersruhe- bzw. Zweitwohnsitz in Spanien von „annehmlichkeitsorientierten“ Beweggründen, wie milderes Klima und gesundheitsförderlichen Aspekten, über positive Spanienerfahrungen oder soziale Bindungen durch die Arbeit bis hin zu indifferenten Motiven („Mitläufer“) reicht. Dabei variiert die Aufenthaltsdauer im Jahresverlauf von dem so genannten „Überwinterer“ (3-6 Monate) bzw. Übergangstyp (7-9 Monate) bis hin zu dem Dauerresidenten (10-12 Monate). Die Dauer des Aufenthalts hängt maßgeblich vom ökonomischen Status und der Form der Krankenversicherung der Betreffenden ab. Es finden sich „Altersmigranten“ aus allen Einkommensschichten, also nicht nur aus der gehobenen. Es ist ein Vorurteil, wenn man davon ausgeht, das ausschließlich „Reiche“ die Vorteile eines Altersruhesitzes auf den Kanaren nutzen. Im Gegenteil findet man unter den Dauerresidenten in der Tendenz mehr Personen aus der mittleren und unteren Einkommensschicht, die es sich wahrscheinlich nicht leisten können, Wohnsitze in beiden „Welten“ zu unterhalten. Diese Erkenntnisse spiegeln sich auch in den Ergebnissen wieder, die wir in unseren eigenen kleinen Erhebungen gemacht haben. Den deutschen Residenten oder „Altersmigranten“ gibt es nicht. Es handelt sich dabei um eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen an eine wie auch immer geartete medizinisch-pflegerische Dienstleistung sowie unterschiedlichen sozioökonomischen Mitteln und Möglichkeiten. Diese Heterogenität wiederum macht es grundsätzlich schwierig, ein optimales medizinisch-pflegerisches Dienstleistungsangebot zu installieren. Hinzu kommen Fragen bezüglich des Krankenversicherungsschutzes dieses Personenkreises.

Zurück zur Situation, wie wir sie auf La Palma vorfinden. Durch die Ergebnisse der Erhebung aus dem Jahre 2004 neugierig geworden, beschlossen die Autorinnen dieses Beitrags dem Phänomen nachzugehen und führten Interviews mit elf deutschen Einwanderern, die hier überwintern oder ganzjährig residieren, und fanden Erstaunliches heraus: Zunächst spiegeln sich alle bereits erwähnten Ergebnisse in den Antworten der Interviewten wider. Alle Befragten wollen auf der Insel bleiben, wissen aber nicht so recht, wie und was sie im Falle der eigenen Hilfe – und/oder Pflegebedürftigkeit zu organisieren haben, an wen sie sich wenden sollen bzw. was sie in Anspruch nehmen können. Im Ernstfall steht dann die Option, doch nach Deutschland zurückzukehren. Diejenigen, die bereits Hilfe oder Pflege brauchen, haben sich ein eigenes Netzwerk aufgebaut, sind aber sehr an Dienstleistungen im Bereich Gesundheit und Pflege interessiert. Die Qualität des individuellen, sozialen Netzwerks ist jedoch sehr unterschiedlich. Das ist zum einen sehr abhängig von der Dauer ihres Aufenthalts und zum anderen dem Interesse an intensiven, sozialen Kontakten. Einige der Interviewten bevorzugt es, sehr zurückgezogen zu leben. Daneben ist aber auch die finanzielle Situation der betreffenden ausschlaggebend, inwieweit sie sich Unterstützungs- und Hilfsdienstleistungen privat „einkaufen“ können.
Das Bild, das sich hier zeigt, ist sehr komplex und variabel. So gaben einige an, dass sie guten Kontakt zu Palmeros haben und Spanisch nach eigenen Angaben ganz gut sprechen, andere wiederum haben fast keinen Kontakt, gerade wegen ihrer der Spracheprobleme. Als Konsequenz daraus würden sie zwar im Bedarfsfall gerne häusliche Pflege in Anspruch nehmen, jedoch dann lieber von einem/r deutschsprachigen Pfleger/in betreut werden.

Diese Ergebnisse treffen auf den Umstand, dass für die Einwanderer der Insel zum aktuellen Zeitpunkt leider noch kein spezifisches Versorgungsangebot besteht. Sollte tatsächlich die Situation eintreten, dass kurz – oder langfristige medizinische Versorgung und pflegerische Betreuung notwendig wird, bestehen derzeit zwei Möglichkeiten diese sicherzustellen:
1. Es können Angebote des spanischen Sozial – und Gesundheitswesen beantragt werden, und/oder
2. die Versorgung wird durch informelle Hilfen, wie beispielsweise die Einstellung einer deutschsprachigen Haushaltshilfe oder Pflegekraft, sichergestellt.

Da, wie gesagt, von deutscher Seite bisher noch kein offiziell anerkannter Dienst existiert, befindet sich die hilfebedürftige Person oftmals in einer Grauzone, was, wenn man die hier genannten Zahlen betrachtet, ein für die Zukunft kaum haltbarer Zustand ist. Das Phänomen der „Altersmigration“ wird weiter zunehmen, wenn man den viel zitierten demographischen Wandel der westlichen Gesellschaften ernst nimmt. Das bedeutet, dass gerade im Rahmen der Europäisierung, die medizinisch-pflegerische Versorgung und Betreuung älterer und betagter Menschen zunehmend international, d.h. nicht mehr ausschließlich im Kontext von nationalen Bedingungen und Interessen, diskutiert werden kann und somit auch die deutsche Seite in dieser Situation in der Verantwortung steht.

Um diesen Beitrag aber nicht als zu pessimistisch enden zu lassen, möchten wir zum Schluss die Angebote der Servicios Sociales, der Sozialdienste der Gemeinden, die bereits bestehen, sowie die Kontaktperson in der Gemeinde von Los Llanos vorstellen:

• Die Gemeinde von Los Llanos de Aridane bietet deutschsprachige Information und Beratung im Sozial– und Gesundheitsbereich im Büro des Servicio de Ayuda a Domicilio an. Aufgrund der Ergebnisse der 2004 durchgeführten Umfrage, der Interviews und der Studie von Prof. Breuer will sich diese Informations– und Beratungsstelle auch als Anlaufstelle für die Vernetzung und Entwicklung von Versorgungsangeboten verstehen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine aktive Teilnahme aller Interessierten notwendig um ein entsprechendes Angebot aufbauen zu können.
Das Büro befindet sich im Parque Alferez n° 13 (gegenüber vom Gericht) in Los Llanos de Aridane. Tel. 922 40 35 25. Bitte Frau Kerstin Strehlke (ggf. auf Spanisch) verlangen.
• Hauswirtschaftliche Versorgung und Grundpflege (Servicio de Ayuda a Domicilio, SAD): Bitte beachten Sie, dass keine Behandlungspflege durchgeführt wird, wie beispielsweise Spritzengeben und Verbandswechsel. Bei der Vermittlung an das örtliche Arztzentrum (Centro de Salud) sind in der Regel die Pflegekräfte des SAD behilflich.
• Hausnotrufsystem (Teleasistencia): Dieses ist gedacht für hilfe– und/oder pflegebedürftige Menschen, die viel Zeit alleine verbringen. Der Hausnotruf vermittelt ihnen im Notfall sofortige Hilfe. Da dieses Angebot derzeit hier nur in spanischer Sprache besteht, sind minimale Spanischkenntnisse notwendig.

• Tagesstätte (Centro de Día): Dieses Angebot existiert leider nicht in allen Gemeinden. In Los Llanos de Aridane wird im Rahmen der Tagesstätte Krankengymnastik, Gedächtnistraining und Verpflegung angeboten. Die Angebote des Centro de Día sind kostenlos. Es kann von allen Bürgern der Gemeinde ab 65 Jahren beantragt werden.
• In Spanien wird unterschieden zwischen Heimen (Residencias) für nicht physisch eingeschränkte Menschen und Einrichtungen für Hilfe– und Pflegebedürftige (auf La Palma das Hospital de Los Dolores). Der Antrag auf Einzug in eine entsprechende Einrichtung wird im Sozialdienst der Gemeinden gestellt, in der Sie gemeldet sind. Von dort wird der Antrag an das Cabildo (Inselregierung) weitergeleitet. Von der Antragstellung bis zum Einzug kann aufgrund der bestehenden Wartelisten viel Zeit vergehen.


Zu den Autorinnen:
Kerstin Strehlke, Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (Diplomada en Trabajo Social, n° Col. 861) und Krankenschwester (Diplomada en Enfermeria Universitaria) lebt seit 2003 auf La Palma. Sie arbeitet im Rathaus der Gemeinde Los Llanos de Aridane als Sozialarbeiterin und leitet dort den Servicio de Ayuda a Domicilio.

Dr. Christina Köhlen, Kinderkrankenschwester, Diplompflegepädagogin, hat seit 2004 einen Lehrstuhl in Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Berlin inne. Ihr Fachgebiet ist Familienorientierte Pflege. Sie interessiert sich für Altersmigration und alternative Lebensformen im Alter. Sie ist bekennender La Palma-Fan.